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Urgroßvater Fritz Ludwig Schiff wurde am 1. Dezember 1864 in Breslau (Wroclaw)
geboren.
Seine Eltern waren der Kaufmann Carl Schiff und Natalie Schlesinger. Ludwig, wie er genannt wurde - der erste Vorname Fritz scheint nur auf seinem Geburtsvermerk zu existieren und wurde später nie mehr benutzt - hatte weitere 6 Geschwister, 2 Brüder und 4 Schwestern. Der wievielte in der Geschwisterfolge er war, lässt sich nicht eindeutig sagen, aber er war vermutlich das sechste der sieben Kinder, wie aus einem Foto von ca. 1873 hervorgeht (siehe rechts unten; eines der Geschwister fehlt auf diesem Bild).
Ludwig verbrachte lediglich seine Kinder- und Jugendzeit in Breslau. Wie er in
einem Brief von 1935 erwähnt, verließ er die Stadt bereits im Jahre 1884, im
Alter von gerade mal 20 Jahren.
1887 studierte er in Berlin an der Technischen Hochschule und wohnte während dieser Zeit zusammen mit seinem älteren Bruder Felix zur Untermiete bei Anita Sandkuhl, geb. Meyer, die später seine Schwiegermutter wurde. Aus einem Brief dieses Jahres von Felix an Anita geht hervor, dass sich die Brüder dort sehr wohl gefühlt haben. Leider bestanden die Eltern von Ludwig und Felix darauf, dass die Beiden sich aus Vernunftgründen eine andere Bleibe suchen sollten:
"Mama wünscht, dass wir des Winters nicht parterre wohnen, doch dieser Wunsch ließ sich ganz mit Erfolg bekämpfen; Papa jedoch möchte, dass wir Beide zwei Zimmer hätten, und leider kann ich dagegen keine vernünftigen Gründe anführen, vielmehr die Richtigkeit nur bekräftigen. Schon einmal hatten Ludwig und ich in einem jener, wie Sie wissen, seltenen Augenblicke der rücksichtslosen Offenheit einander gestanden, dass wir uns eigentlich sehr häufig stören und im Wege sind. Da bei uns aber das Studium Hauptsache ist, müssen alle etwaigen Hindernisse beseitigt werden, und als solches zähle ich mich Ludwig gegenüber et vice versa. Darum wollen wir einen vernünftigen Dualismus einschlagen und in freundschaftlicher Nachbarschaft uns Beiden das Studium nicht verbittern. Bitter wird es uns freilich werden, aus Ihrem Hause zu scheiden!"
Am 18. Mai 1892 nahm Ludwig, inzwischen von Beruf Ingenieur, an der Hochzeitsfeier des später durch seinen Widerstand gegen das NS-Regime bekannt gewordenen, evangelischen Theologen Hans Francke teil. Ich nehme an, dass Hans Francke und Ludwig Schiff Jugendfreunde gewesen sind, da beide in Breslau aufwuchsen und zur Schule gingen.
Nach Angaben Peter Boegers waren Ludwig und Hans Francke sehr enge Freunde, die auch oft theologische Fragen miteinander besprachen. Zeichen dieser langen Freundschaft waren unter anderem, dass Ludwig und seine Frau Anita ihren erstgeborenen Sohn nach Hans Francke benannten und der Pastor am 26. Februar 1921 die Trauung von Ludwigs Tochter Klara Schiff und ihrem Bräutigam Siegfried Grothmann vornahm. Es muß wohl eine gute Entscheidung gewesen sein, denn die Ehe der beiden dauerte 64 Jahre und endete erst mit dem Tod von Siegfried Grothmann im Jahre 1985...
Interessant ist die Hochzeitseinladung vielleicht auch deshalb, weil Ludwig Schiff zu der Zeit noch der jüdischen Religion angehörte, Francke aber evangelisch war. Das deutet daraufhin, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Religionsgruppen schon wesentlich durchlässiger waren als noch ein paar Jahrzehnte zuvor.
Die
Einladung zur Hochzeit von Hans und Ella
Francke
(Für Großansicht auf Abbildungen klicken.)
1894 hat sich Ludwig mit Anita (Atta) Sandkuhl, der Tochter seiner damaligen Wirtin, verlobt. Ein Bild vom Dezember des Jahres zeigt die beiden erstmals als Paar. Anita war damals 20, Ludwig 30 Jahre alt. Die Hochzeit wurde am 25. Juli 1895 in (damals noch) Charlottenburg bei Berlin gefeiert.
Zu Ludwigs beruflichem Werdegang schreibt Peter Boeger:
"Zunächst zogen die Beiden nach seinem Studium von Berlin nach Karlsruhe. Ludwig arbeitete dort als Ingenieur in einer Patronenfabrik. Die in der Südweststadt gelegene Fabrik existierte bereits seit mehreren Jahrzehnten und war zum Branchenführer aufgestiegen. Als Ludwig hier seine Arbeit aufnahm, gehörte das Unternehmen bereits der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik. Die Bezeichnung Patronenfabrik blieb wohl weiterhin bei den Arbeitern und Bewohnern der Stadt geläufig. Welche Stellung und Aufgaben Ludwig Schiff in der Fabrik hatte, ist nicht bekannt."
Nach einiger Zeit kehrte die Familie jedoch wieder nach Berlin zurück und Ludwig eröffnete dort im Jahre 1905 eine Patentanwaltspraxis, die zunächst mit lediglich einem Klienten begann, sich jedoch bald zu einer großen Praxis mit Verbindungen im In- und Ausland entwickelte. Trotzdem wurde Ludwig nicht reich dabei, wie der Trauerredner Martin Riese (ein Schwager von Ludwigs Tochter Klara) bei Ludwigs Beerdigung bemerkte:
"<Ludwig Schiff war ein Mann>, der zwar keiner kirchlichen Gemeinschaft angehörte, aber doch immer ein Gottsucher gewesen ist, der seine Frömmigkeit durch ständige Hilfsbereitschaft, durch praktische Nächstenliebe, also durch die Tat bewiesen hat und zwar in einem Ausmass, dass er trotz grosser Einnahmen keine irdischen Reichtümer gesammelt hat."
Ludwig und Anita hatten
im Laufe ihrer fast 45 Jahre dauernden Ehe die folgenden neun Kinder
(für Großansicht auf Abbildungen klicken):
Neben
Familie und Beruf gehörte Ludwigs Interesse der internationalen Sprache
Esperanto, einer Plansprache. Im Übrigen eine Leidenschaft, die auch sein Enkel
- mein Vater - Bernhard Ludwig Uffrecht teilte, der ebenfalls eine Zeitlang
Mitglied in einer Esperantovereinigung gewesen ist. In meiner Kindheit hat er
immer wieder versucht, allerdings vergeblich, mich und meine Schwester für
Esperanto zu interessieren...
Ludwig war lange Jahre Vorsitzender des Berliner Esperanto-Vereins und hat unter
anderem die von Dr. Ludwig Zamenhof stammende Esperanto-Hymne frei ins Deutsche
übersetzt. Der nebenstehende Abdruck stammt aus Germana Esperantisto aus dem
Jahre 1910
(er wurde, wie auch der unten erwähnte Vortrag, freundlicherweise von Herrn
Haupenthal zur Verfügung gestellt).
Aus einem Vortrag, den Ludwig am 11. November 1927 vor dem Deutschen Internationalen Anwaltsverband hielt, geht hervor, weshalb er für seinen Beruf die Beschäftigung mit Esperanto für so wichtig hielt. Untenstehend einige Auszüge aus diesem Vortrag, der später (Berlin 1928) in dem Heft "Esperanto und Recht. Eine Vortragsfolge" in der Schriftenreihe "Internationale Rechtspraxis" veröffentlicht wurde.
"Die Schwierigkeiten, welche an sich schon die sprachliche Festlegung des durch ein Patent zu schaffenden Einzelrechtes in einem Lande und in einer Sprache bietet, werden im internationalen Patentrecht infolge der Vielsprachigkeit der Nationen noch vervielfacht. <...> Jeder Patentanwalt und jeder Rechtsanwalt, der Patentprozesse zu führen hatte, weiß, welchen Einfluß diese sprachlichen Schwierigkeiten im Patentrecht besitzen. <...> Es handelt sich nicht nur um Deutsch, Englisch, Französisch, sondern auch um zahlreiche andere Sprachen, wie russisch, ungarisch, spanisch, italienisch, japanisch, usw. Nach dem Weltkriege haben zahlreiche weitere Staaten eigene Patentgesetze erhalten, darunter Staaten <...> bei welchen zwar die Technik, aber noch nicht die technische Sprache ausgebildet ist, wie Lettland, Estland, Finnland, Tschechoslowakei, usw. Man bedenke, wie umfangreich mitunter <...> die Patentbeschreibungen sein müssen, daß die Übersetzung dieser Beschreibungen in die verschiedenen Sprachen außerordentliche Schwierigkeiten bereitet und den größten Teil der Kosten verusacht <...>. Hier könnte Esperanto unschätzbare Dienste leisten und die durch die Internationale Union erstrebten Vorteile verwirklichen helfen. Esperanto ist für technische Übersetzungen außerordentlich geeignet, weil es den Zusammenhang und die Bedeutung der Worte immer erkennen läßt <...> Esperanto ist in einem Bruchteil der Zeit zu erlernen, die etwa von einem Deutschen zur Erlernung der englischen Sprache aufgewendet werden muß. <...> Esperanto stellt selbst eine der größten und genialsten Erfindungen dar und ist berufen, allen Erfindern ein wichtiges Hilfsmittel zu werden <...>."
Anmerkung: Weitere Informationen zu Esperanto finden sich auf der Website Esperanto in Deutschland.
Ludwig schrieb zeit seines Lebens kleine Gedichte zu familiären Anlässen. Mein Onkel Ulrich Uffrecht hat diese zum Teil ernsten, doch meist lustigen und immer liebenswerten Werke bereits vor Jahrzehnten zusammengetragen und in Buchform an die Familie verteilt. Im Jahre 2002 hat er dieses Buch neu "aufgelegt" (das untenstehende Gedicht ist diesem Buch entnommen).
Eines dieser Gedichte, "Die norwegischen Hochzeitslöffel", das wohl zur Hochzeit eines Freundes oder Familienmitglieds geschrieben wurde (evtl. zur Hochzeit von Marie Sandkuhl, Ludwigs Schwägerin, mit dem Norweger Fredrik Bentsen im März 1902), verwendete auch mein Vater zu meiner Hochzeit, allerdings mit Rücksicht auf meinen amerikanischen Mann mit einer von ihm angefertigten, englischen Übersetzung. Er hatte bei einem Holzschnitzer für uns extra zwei Löffel aus einem Stück Holz anfertigen lassen, die nun bei uns in der Küche an der Wand hängen und uns an das Wesentliche in einer Ehe erinnern...
Hier ist das Originalgedicht:
Die norwegischen Hochzeitslöffel Wir sind zwei Löffel und sind sehr stolz. Ein Künstler schnitzt' uns Aus einem Holz! Uns und die Kette, Es scheint kaum möglich! Wir halten zusammen, Beweglich, verträglich! Wir können nur dienen, Ein Wunder! - Kaum möglich! (Ludwig Schiff)
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Am
11. März 1939 starb Ludwig Schiff in der Charité in Berlin und wurde auf dem
Stahnsdorfer Friedhof beerdigt. Das Grab existiert jedoch heute nicht mehr.
Ulrich Uffrecht schickte mir kürzlich das nebenstehende Foto von der vermuteten Grabstätte, das er im Frühjahr 2005 aufgenommen hat...
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