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| i Den erweiterten, 5 Generationen umfassenden Stammbaum der Familie Schiff finden Sie hier. |
| Das Rätsel der Naemi Ehrenfest |
Wolf
Schiff, mein Urururgroßvater, wird 1800 oder 1801 (eher wahrscheinlich) wohl
in dem kleinen, in der Nähe von Posen gelegenen Ort Wollstein (heute Wolsztyn,
Polen) geboren. Über seine Eltern oder eventuelle Geschwister ist weiter nichts
bekannt, außer dass der Name seines Vaters Mordechai gewesen ist.
Wolf heiratet vermutlich um 1820 herum meine Urururgroßmutter Rodisch Eger, eine Tochter des berühmten Posener Oberrabiners Akiba Eger aus dessen zweiter Ehe mit Brendel Feibelmann. Rodischs Geburtsdatum ist ebenfalls nicht ganz genau feststellbar. Anhand ihres Todesdatums (12. August 1849) und des in der Breslauer Totenliste eingetragenen Lebensalters von 46 Jahren kann jedoch gesagt werden, dass sie entweder 1802 oder 1803 geboren wurde.
Das erste, mir bekannte Kind ist Josua Schiff, der ca. 1819 geboren wird und am 18. März 1850 in Breslau im Alter von nur etwa 31 Jahren stirbt. Josuas Witwe, Johanna Orgler, ist in den vorhandenen Breslauer Adressbüchern ab 1852 als "Joh. Schiff, Kaufmannswitwe" verzeichnet und hat sich auch nicht wiederverheiratet. Josua und Johanna haben drei Kinder: Jenny Schiff, verheiratet mit Jakob Lappe (eine Tochter, Laura Lappe); Fanny Schiff, verheiratet mit Simon Bernhard Levy (die beiden haben eine Tochter namens Dorit), und Arthur Schiff, zu dem keine weiteren Informationen vorliegen. Auf Josua folgt mein Ururgroßvater Carl Schiff, der etwa im März 1824 in Wollstein geboren wird. Kurz danach muss die Familie jedoch in das ca. 100 km südlich gelegene Breslau umgezogen sein, da bereits 1825 der nächste, mir bekannte Sohn, John Schiff, dort geboren wird. Es folgen 1829 Sohn Max und 1830 Philipp Schiff.
Zusätzlich zu den Söhnen soll es auch Töchter gegeben haben, zu denen mir jedoch überhaupt nichts bekannt ist, außer dass eine dieser Töchter einen Karl Sinzheimer geheiratet haben soll. Dies ist jedoch zum heutigen Zeitpunkt nicht durch Quellen zu belegen.
Wolf ließ sich in Breslau als Kaufmann nieder und ist mit den folgenden Adressen in den vorhandenen Breslauer Adressbüchern des 19. Jh. verzeichnet:
Die Geschäftsadresse in der Reuschestraße übernimmt später Sohn Carl Schiff, der entsprechend im Adressbuch von 1868 in der Reuschestraße verzeichnet ist.
Es existiert eine ausgesprochen interessante, 1905 im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur erschienene Novelle ("Naemi Ehrenfest"), auf die mich vor einigen Jahren Prof. Malachi Hacohen aufmerksam gemacht hat. Sie wurde von dem Autor Ulrich Frank verfasst, dessen Name sich jedoch bei näherer Nachforschung als Pseudonym von Ulla Wolf-Hirschfeld entpuppt - einer Urenkelin des Rabbi Akiba Eger, also einer Frau, die mit den Schiffs verwandt war (Ulla Hirschfeld war eine Cousine zweiten Grades meines Urgroßvaters Ludwig Schiff) und die die Familie unter Umständen selbst gekannt hat.
Diese Novelle beschreibt die Lebensgeschichte der Naemi Ehrenfest (Mädchenname Sinsheimer), einer entweder völlig fiktiven oder aber verfremdeten und umbenannten Frauengestalt. Viele und Vieles in dieser Erzählung ist historisch korrekt und anhand anderer Quellen zu belegen, Anderes jedoch erscheint fiktiv, verglichen mit anderen Quellen widersprüchlich und konnte bisher nicht bestätigt werden. Die Titelheldin Naemi beschreibt in der Novelle ihre Jugendzeit in Breslau, wo sie mit den Kindern des Wolf Schiff befreundet ist.
Über ihn schreibt die Autorin (S. 194):
Naemi beschreibt unter anderem auch die Hochzeit "der zweiten Tochter des Hauses (Schiff)" mit Josef Sinsheimer, ihrem älteren Bruder. Da ich zu etwaigen Töchtern keinerlei Angaben habe (außer der oben genannten Information, dass eine Tochter einen Karl Sinzheimer geheiratet haben soll), konnte ich diese Heirat bisher nicht verifizieren. Da aber so vieles Andere in dieser Erzählung den Tatsachen entspricht, kann diese Hochzeit nicht von der Hand gewiesen werden, zumal der Nachname Sinzheimer ja eben auch in einer anderen (Sekundär-)Quelle auftaucht.
In der Novelle heißt es auf S. 195:
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"Es war meinen Eltern sehr erwünscht, dass wir mit den Kindern dieser hochangesehenen Familie spielten, denn ... so war es immerhin ein Vorzug, mit Wolf Schiff bekannt zu sein, der ein Schwiegersohn des Rabbi Akiba Eger zu Posen war (auch die Verwandtschaftsbeziehung stimmt), also zu den ersten Judenfamilien des Landes gehörte. Und unsere Beziehungen knüpften sich sehr rasch und fest ... Noch fester wurden sie, als mein Bruder Josef ... in das Spezereigeschäft als Lehrling eintrat, dessen Chef er später wurde, als er die zweite Tochter des Hauses heiratete und mit dessen ältestem Sohn Carl das Geschäft weiterführte, als Onkel Wolf Schiff sich zur Ruhe setzte." |
Es fällt auf, dass hier auch Carl Schiff, mein Ururgroßvater, genannt wird - es kann also tatsächlich davon ausgegangen werden, dass die Autorin in dieser Erzählung Fakt und Fiktion immer wieder miteinander verwoben hat. Die genannte Tochter wird an anderer Stelle in der Novelle (u. a. auf S. 219) mit dem Namen Hannchen bezeichnet, was jedoch bisher auch nicht verifiziert werden kann.
Wolf Schiff starb am 25. November 1865 in Breslau - das Begräbnisbuch nennt zwar den 24. November, der Grabstein gibt jedoch den 25. November mit dem entsprechenden Wochentag (Shabbat, also Samstag) an und als Tag der Beerdigung den darauf folgenden Sonntag. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die Daten auf dem Stein korrekt sind, da sich die Wochentage anhand eines entsprechenden Kalenders verifizieren ließen (Ganz herzlichen Dank an dieser Stelle an Prof. Hacohen, der so freundlich war und den hebräischen Teil des Grabsteins mit diesen Tagesangaben für mich übersetzt hat.).
Rodisch Eger,
Wolfs Frau, war bereits lange vor ihm, am 12. August 1849, verstorben und auf
dem heute nicht mehr existierenden jüdischen Friedhof an der Claassenstraße
beerdigt worden.
Anmerkung: Die Tatsache,
dass ich diese beiden Daten heute kenne, habe ich Stephen Falk aus Philadelphia
zu verdanken, der ebenfalls mit Leidenschaft deutsch-jüdische Familienforschung
in Breslau betreibt und darüber hinaus auch noch, wie sich herausstellte, ein
Cousin 6. Grades meines Urgroßvaters
Ludwig Schiff
ist, obwohl er und ich fast gleichaltrig sind. An dieser Stelle noch einmal
ganz herzlichen Dank an Stephen, ohne dessen Interesse und Kenntnisse ich heute
nicht so viel wissen würde und der erheblich dazu beigetragen hat, dass unsere
Reise nach Breslau im Sommer 2008 ausgesprochen erfolgreich war.
Wolf liegt auf dem jüdischen Friedhof an der ehemaligen Lohestraße (heute ul. Slezna) begraben, der einer der ganz wenigen jüdischen Friedhöfe ist, die noch einigermaßen intakt sind. Sein Grabstein hat nicht nur fast 150 Jahre überdauert, sondern auch Naziterror, den zweiten Weltkrieg und Kommunismus relativ unbeschadet überstanden. Für mich ein fast unglaubliches Erlebnis, vor diesem Stein zu stehen...
Die Inschrift auf dem Stein ist zweigeteilt - die oberen beiden Drittel sind in Hebräisch abgefasst, das untere, separate Drittel trägt eine deutsche Inschrift, die lautet:
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Ruhestätte |
Beim ersten Besuch auf dem Friedhof am Vormittag war diese Inschrift nicht zu entziffern, sie wirkte völlig verwittert und flach. Als wir am Nachmittag desselben Tages wieder kamen, stand die Sonne in einem anderen Winkel und der Stein war problemlos fast vollständig zu lesen. Untenstehend einige Bilder (für Großansicht bitte jeweils anklicken):
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Der Eingang zum Friedhof:
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So überwuchert sind die
Grabfelder:
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Grabstein Wolf
Schiffs (links):
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| Die Verzierung oben:
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Die hebräische Inschrift oben:
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Die deutsche
Inschrift unten:
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Außerdem fanden wir auf dem Friedhof den Grabstein für Philipp Schiff, einen Sohn Wolfs (siehe oben). Für ihn hatte ich bis dahin keinerlei Datumsangaben. Nun, nach dem Friedhofsbesuch, kenne ich sowohl sein Geburts- als auch sein Sterbedatum.
Es gelang uns leider nicht, auch die Gräber meiner Ururgroßeltern Carl Schiff und Natalie Schlesinger zu finden, obwohl beide auf diesem Friedhof begraben sein müssten. Doch für die ca. 12.000 Toten, die hier einst bestattet wurden, stehen bei weitem nicht mehr alle Grabsteine. Viele Steine sind auch unleserlich geworden oder schlicht nicht mehr vorhanden. Nichtsdestotrotz war der Besuch dieses Friedhofs ein bewegendes Erlebnis.
Für alle Schiffs, die dort begraben liegen und deren Gräber nicht mehr zu finden sind, gelte, was auch auf Wolfs Grabstein steht: Sanft ruhe ihre Asche.

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